Tragetücher
Stolz trage ich mein Kind im Tragetuch und errege prompt Aufmerksamkeit. Eine ältere Dame kommt aufgeregt auf mich zu. Da ich kurzsichtig bin, bemerke ich erst, als sie vor mir steht, dass ihre Grimassen nicht Begeisterung zum Ausdruck bringen sollen. „Sie wissen doch wohl das man Kinderköpfchen stützen muss, das wissen Sie doch?“ Huch, da war ich wohl, da habe ich anscheinend, falsch gewickelt. Tatsächlich ist der kleine Kopf meines Babys arg nach hinten überstreckt. Aber lieb schaut es mich an, nachsichtig und vertrauensvoll. Du schaffst das schon, sagt sein Blick, bis ich das Tragetuch über sein Köpfchen ziehe und so unser Blicke trenne.
Die Nachteile eines Tragetuchs liegen auf der Hand. Wickeln muss man es können und so ein Tragetuch ist lang. Aber Missgeschicke wie das meine passieren nur selten und mit etwas Sorgfalt, das muss ich zugeben, nie. So ist es meist eher der Respekt vor dem überzeugend gebundenen Tragetuch mit seinen Schlaufen und Überkreuzungen, der Eltern zu anderen Tragehilfen greifen lässt. Dabei stecken dahinter meist recht einfache Techniken. Und selbst wenn ein Tuch sehr schlecht gebunden ist, ist nichts weiter für das Baby zu befürchten. Das Tuch muss neu gebunden werden. Das ist alles.
Eine Wickeltechnik
Als Beweis eine sehr leichte Wickeltechnik: Du legst dir ein langes Tragetuch um den Hals, wobei ein Tuchende länger sein sollte als das andere. Die um den Hals ruhende Tuchmitte ziehst du etwas nach hinten auf Höhe deiner Schulterblätter. Das längere (nehmen wir einmal an das linke) Tuchende ziehst du über das rechte Tuchende quer über deine Brust, (je nach Kindergröße unterschiedlich) eng an der rechten Körperseite vorbei auf deinen Rücken. Dort ziehst du es durch das U, das die Tuchmitte auf deinem Rücken bildet und weiter auf deine linke Körperseite. Hier verknotest du das Tuchende fest mit dem rechten Tuchende. So entsteht auf deinem Rücken ebenso wie auf deiner Brust ein Tuch-X. Erst jetzt kommt, anders als bei vielen anderen Wickeltechniken, dein Kind ins Spiel. Du kannst das Baby nun in das Tuchgewinde vor deinem Bauch setzen. Letztlich schauen beide Kinderbeine an den Seiten des Tuches, also in der Mitte des X heraus. Du musst noch die beiden Tuchbahnen unter dem Po und zwischen den Beinen Deines Babys breit ziehen, um die gewünschte Spreizstellung der Beine zu erreichen und je nach Alter des Kindes das Tuch am oberen Rücken stützend in Position ziehen. Wahrscheinlich brauchst du beim ersten mal einige Anläufe, um die richtige Enge des Tuches zu erreichen. Denn Sitzen sollte (zumindest das kleine) Baby eben nicht wirklich, vielmehr muss das Tuch eng genug gewickelt sein, um seinen Rücken zu stützen und auf einer Höhe, durch die du das Babyköpfchen noch küssen kannst.
Tuchvorteile
Aber wer sich auf eine Wickeltechnik beschränkt, wird dem Tragetuch eigentlich nicht gerecht. Seine vielseitige Verwendbarkeit ist es ja, welches es sich von anderen Tragehilfen absetzen lässt. Durch Techniken wie die Wiegetrage kann es bereits in den ersten Lebenstagen des Babys benutzt werden, wenn von aufrechten Tragepositionen noch abzuraten ist. Ältere Kinder können auf dem Rücken getragen werden, ebenso wie auf der Seite oder auf dem Bauch. Das Tuch kann so unterschiedlich gewickelt werden, dass es den Kinderkörper mal mehr und mal weniger stützt, abhängig von Alter, aber auch von Müdigkeit des Kindes. Es ist schlicht perfekt an den Körper des Kindes anzupassen.
Nachteile
Aber es gibt auch Nachteile. Mit etwas Übung ist es wirklich nicht schwer, die Tücher zu wickeln. Aber es ist häufig unpraktisch. Ein schreiendes Baby lässt sich häufig am besten durch das Tragen beruhigen. Aber selten dadurch Teil von Tuchwickelaktionen zu werden oder auf dem Boden liegend zu warten, bis die geliebte Bezugsperson fertig gewickelt hat. Und besser wird die eigene Wickeltechnik auch nicht, wenn man unter Stress, fremder Leute Blicken und des eigenen Babys Schreien wickeln muss. Auch ist das Tuch häufig so lang, dass die Enden am Anfang eines Bindeversuches noch auf dem Boden ruhen. Auf staubigen Straßen ist das schon unschön, im Wattenmeer ist es schlicht nicht praktikabel. Die Tragealternativen werden gleichzeitig immer ausgefeilter und sind zum Teil wirklich sehr bequem.
Trotzdem bietet das Tragetuch, die Urform aller Tragehilfen, die vielfältigsten Tragemöglichkeiten und hat die längste, nämlich eine nahezu endlose Verwendungsspanne. Und wenn man sein Kind akrobatisch gekonnt über den Kopf in eine Rückentrageposition wirbelt, kann man wirklich Aufmerksamkeit erregen. Und zwar positive.
